
„Ghee ist besser als Gold“ – ein altes indisches Sprichwort
In Indien wird Ghee nicht umsonst als flüssiges Gold bezeichnet. Es ist Nahrungsmittel, Heilmittel und Pflegeprodukt in einem – und ein wunderbares Beispiel dafür, wie viel Weisheit in einer jahrtausendealten Tradition steckt.
Als ich zum ersten Mal in Indien war, bei einer großen Ayurveda-Kur, einer sogenannten Panchakarma-Kur, hätte ich nicht gedacht, dass ausgerechnet eine Nasenbehandlung mein Gesicht verändern würde. Ich bekam dort Nasenbehandlungen mit Ghee – ja, richtig gelesen: mit geklärter Butter. Diese Behandlung nennt sich Nasya, und sie hat mich bis heute nicht mehr losgelassen.
Nasya ist eine der fünf klassischen Reinigungstherapien der Ayurveda Kur (Panchakarmakur) und gilt im Ayurveda als das Tor zum Kopf. Über die Nase, so die ayurvedische Lehre, steht unser Körper in direkter Verbindung mit dem Gehirn und dem zentralen Nervensystem. Bei der Nasya-Behandlung werden einige Tropfen warmes, reines, geklärtes Ghee (manchmal auch mit Kräutern angereichert) in die Nasenlöcher geträufelt, während gleichzeitig Kopf, Nacken, Schultern und Gesicht sanft massiert werden. Das Ghee zieht dabei tief in die Nasennebenhöhlen ein und soll dort seine wohltuende Wirkung entfalten.
Der ayurvedischen Tradition nach befreit Nasya die Nasennebenhöhlen, lockert festsitzenden Schleim und sorgt für freieres Durchatmen. Kopf und Gesicht sollen dadurch besser durchblutet und die Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken – geschärft werden. Auch der Geist soll klarer werden: Viele beschreiben nach einer Nasya-Behandlung ein Gefühl innerer Ruhe und mentaler Leichtigkeit. Und dann war da noch dieser wunderschöne Nebeneffekt, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Nach meiner Kur bemerkte ich etwas Erstaunliches: Die tiefen Falten oberhalb meiner Augenbrauen hatten sich völlig geglättet. Auch rund um meine Augen legten sich die tiefen Fältchen. Keine Spritze, kein Eingriff – nur Ghee, angewendet mit einer jahrtausendealten Technik. Es fühlt sich fast an wie ein kleines Wunder, ist aber eigentlich ganz logisch, wenn man versteht, wie Panchakarma auf das gesamte Gewebe wirkt.
Bei einer Ayurveda-Kur wird nämlich das gesamte Hautgewebe gereinigt – von innen nach außen. Stoffwechselschlacken und Ablagerungen, die sich über Jahre im Bindegewebe festgesetzt haben, werden gelöst und ausgeleitet. Genau deshalb verabschieden sich bei einer solchen Kur oft auch hartnäckige Dellen an Beinen oder Oberarmen. Es ist derselbe Mechanismus wie bei den Falten im Gesicht: Ein gereinigtes, gut durchblutetes Gewebe zeigt sich einfach glatter und straffer – egal ob an der Stirn oder am Oberschenkel. Wie schön, dass es Ayurveda gibt!
Wenn man einmal die Wirkung von Ghee am eigenen Körper erlebt hat, will man mehr darüber wissen. Und tatsächlich hat Ghee im ayurvedischen Alltag weit mehr zu bieten als die Nasya-Anwendung.
Ghee ist in der ayurvedischen Küche ein Grundnahrungsmittel. Da bei der Herstellung Wasser und Milcheiweiß entfernt werden, verträgt Ghee sehr hohe Temperaturen, ohne zu verbrennen oder zu rauchen – ideal also zum Braten, Anbraten von Gewürzen oder für Currys. Geschmacklich ist Ghee milder, feiner und leicht nussig im Vergleich zu Butter, mit einem runden, warmen Aroma, das Gerichten eine besondere Tiefe verleiht. Im Ayurveda gilt Ghee zudem als sattvisch – als besonders reines, nährendes Lebensmittel, das Verdauung und Nährstoffaufnahme unterstützen soll.
Nein – Ghee wird aus Butter hergestellt und ist damit ein tierisches Produkt. Wer vegan lebt, findet mittlerweile pflanzliche Alternativen, die geschmacklich in eine ähnliche Richtung gehen, auch wenn sie die ayurvedischen Eigenschaften von echtem Ghee nicht eins zu eins ersetzen.
Klassisch wird Butter langsam bei niedriger Hitze geschmolzen und geköchelt, bis Wasser verdampft und sich die Milchfeststoffe absetzen. Übrig bleibt reines, goldklares Butterfett – das Ghee. Durch dieses Verfahren wird Ghee sehr lange haltbar, auch ohne Kühlung. Besonders spannend: In Mumbai wird Ghee traditionell oft nicht aus Sahne, sondern aus Joghurt hergestellt. Der Joghurt wird zunächst zu Butter gebuttert (der sogenannte Bilona-Prozess) und diese Butter anschließend geklärt. Das Ergebnis ist ein besonders aromatisches Ghee mit einem feinen, leicht säuerlichen Unterton. Du möchtest Ghee selbst herstellen? Hier findest du mein Rezept für selbstgemachtes Ghee.
Ghee wird im Ayurveda längst nicht nur gegessen. Hier ein paar Anwendungen, die ich selbst schätzen gelernt habe:
Abends mit dem kleinen Finger einen kleinen Tropfen Ghee vorsichtig ins seitliche Auge geben – über Nacht soll es das Auge klären und erfrischen. Achte darauf, dass dein Ghee rein ist, ohne Rückstände vom Kochen.
Ein paar Tropfen Ghee in den Nabel geben. Der Nabel gilt im Ayurveda als zentraler Energiepunkt, von dem aus zahlreiche Nadis (Energiebahnen) ausgehen.
Eine sanfte Fußmassage mit warmem Ghee soll überschüssige Hitze aus dem Körper leiten – besonders wohltuend bei Hitzewallungen in den Wechseljahren und wenn abends die Gedanken einfach nicht zur Ruhe kommen wollen. Viele berichten, dass sie danach deutlich besser einschlafen.
Als Ergänzung sanftes Kreisen mit Ghee an Schläfen, Fontanelle und Nabel löst Spannungen im Kopf und hat eine kühlende und beruhigende Wirkung.
Ganz einfach: über Nacht eine dünne Schicht Ghee unter die Augen auftragen. Probiere es selbst aus und mach deine eigenen Erfahrungen!
Von Herzen,
Verena

Hinweis: Dieser Beitrag stellt traditionelles ayurvedisches Wissen sowie allgemeine Ernährungsinformationen vor und ersetzt keine individuelle medizinische oder ernährungswissenschaftliche Beratung.

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